Glücksengel – Warum ich nach fast fünf Jahrzehnten auf zwei Rädern noch hier bin

KI-Bild: Motorradfahrer mit Engelchen und Teufelchen auf dem Lenker weicht auf der Landstraße einem Mähdrescher aus

Warum ich nach fast fünf Jahrzehnten auf zwei Rädern noch hier bin – und wer daran den größten Anteil hat.

Man weiß ja nicht, ob es Glücksengel in der Realität gibt. Aber wenn, dann gibt es ganz bestimmt auch das Teufelchen als Gegenpart. So wie Yin und Yang, Materie und Antimaterie.

Wobei: Es soll – und besser muss – ja mehr Materie als Antimaterie geben, sonst würden wir gar nicht existieren. Was zeigt, dass eine Seite etwas stärker sein darf als ihre Gegenseite. Bei mir dürfte das, zumindest gefühlt, das Engelchen sein.

Wie komme ich darauf?

Nun, ich bin bekennender und – zum großen Glück – mittlerweile auch etwas älterer Motorradfahrer. Angefangen mit 16 auf einer Honda MT8, und bis heute aktiv dabei. Aktuell mit meiner alten Z1000, die ich irgendwann Mitte der 90er erworben habe. Dazu kam 2016 der Traum (oder Alptraum) von der eigenen Harley: eine 2006er Street Bob.

In den vielen Jahren, in denen ich als Motorradfahrer die Gegend unsicher mache, musste ich einige höchst gefährliche Momente im Straßenverkehr meistern. Oder besser gesagt: mein Glücksengel für mich.

In den meisten Fällen kam es dazu durch völlig bekloppte Aktionen, also einen eigentlich unerklärlichen Mut zum Risiko. Ich habe mal gehört, dass in uns noch ein alter Jagdinstinkt schlummert. Den haben wir uns im Laufe der Evolution zwar weitgehend abgewöhnt. Aber als ehemalige Jäger und Sammler sollen wir noch Reste davon verinnerlicht haben – und daher mehr oder weniger risikofreudig unterwegs sein.

Hier einige Situationen, die sich bei mir schockgefroren ins Hirn eingebrannt haben.

Der Mähdrescher hinter Scheps

Ich hatte eine Zeit lang eine Kawa Z650, mein drittes Moped. Das muss so Ende der Achtziger gewesen sein. Ich also von Osterscheps nach Edewecht, natürlich V-Max-mäßig, was so geht – weit jenseits der 100er-Marke. Das Dumme: Kurz nach dem Ortsausgang von Scheps kommt eine nicht einsehbare Rechtskurve.

Ich komme da also angebrezelt, und was fährt da völlig plötzlich und unerwartet vor mir? Ein Mähdrescher. Man kann sich ausrechnen, dass die Geschwindigkeitsdifferenz zwischen uns beiden und der verfügbare Bremsweg nicht positiv miteinander korrespondierten.

Es gab somit drei Auswahlmöglichkeiten:

  1. Die Materialflexibilität des Mähdrescherhecks testen.
  2. Rechts den Straßenrand pflügen.
  3. Mal kucken, was im Gegenverkehr so los ist.

Nach reiflicher Abwägung meiner Möglichkeiten entschied ich mich für den Gegenverkehr. Und siehe da: Mein Glücksengel hatte das für mich hervorragend geregelt.

Zu dritt mit Vollgas

Meine Z650 hatte Höckersitzbank, Vollverkleidung, Stummellenker und natürlich eine offene 4-in-1 aus einer Edewechter Produktionsstätte. Das Teil war also nichts für gemütliches Cruisen.

Wir also zu dritt mit Vollgas über irgendeine Landstraße, ich an zweiter Stelle. Bis vor uns ein PKW stand, der links abzubiegen gedachte. Da die Verzögerungswerte meiner Z auch hier nicht den Anforderungen der Situation entsprachen, blieb nur die Ausweichroute rechts am Auto vorbei.

Leider hatte genau diesen Kurs bereits mein vorausfahrender Kumpel eingeschlagen – der aber gleichzeitig aus Gründen der Vorsicht maximal abbremste. Seine Bimota hatte in Sachen Bremsen deutlich mehr Reserven. Diese Möglichkeit war also auch gerade am Sterben.

Aber irgendwie dachte mein Kumpel im richtigen Moment an genau diese bremstechnische Tatsache. Er ging voll in den Anker, kam hinter dem Auto zum Stehen, und ich konnte mit qualmenden Bremsen rechts vorbei.

Der Heimbastler und die lose Gabel

Aber nicht nur Fahrfehler musste mein Glücksengel ausbaden. Auch die Fehler eines Heimbastlers gehören zu seinen Aufgaben.

Ich hatte die Frontfork, wie das Teil in Fachkreisen heißt, demontiert und war dabei, sie wieder einzubauen. Mit Quatscherei und Kaffeetrinken zwischendurch habe ich es tatsächlich geschafft, ganze vier Schrauben nicht anzuziehen. Nach vollendeter Projektarbeit nochmal alles durchgehen, ob alles vernünftig sitzt? Wird auch überbewertet. Also rauf aufs Moped und Gas.

Nach kurzer Zeit war das Fahrverhalten irgendwie nicht so, wie es sein sollte, ohne dass es einen offensichtlichen Grund dafür gegeben hätte. Erst nach intensivster Fehlersuche stellte sich heraus: Mein Glücksengel musste die Standrohre ganz doll festhalten, weil ich glatt vergessen hatte, sie in den Gabelbrücken festzuschrauben.

Anfängerfehler halt. Genauso wie falsch herum montierte Bremsbeläge, vergessene Bremssattelschrauben, eine verpolte Batterie und zig weitere kleine und große Fettnäpfe.

Der Alkohol und der Laster

Und natürlich einer der größten Feinde des Glücksengels und bester Freund des Teufelchens: der Alkohol. Es gibt sicher kaum ein größeres Betätigungsfeld für einen Glücksengel als die Risiken, die mit Alkohol einhergehen.

Leider ist mir aus nicht weiter ersichtlichen Gründen zu diesem Thema nicht viel in Erinnerung geblieben. Und ich muss zugeben: Mein Glücksengel dachte sich da früher wohl öfter, selbstgemachtes Leid – das badest du mal schön selbst aus.

Aber einmal musste er doch seinen Dienst versehen. Wir waren auf einer Party irgendwo Richtung Ostfriesland. Nach dem Genuss von zwei bis drei Litern Hopfenkaltschale drückte es dann doch auf die Blase. Also ich mit einem Kumpel los, um unsere Notdurft open air zu verrichten.

Aus nicht weiter überlieferten Gründen trieb es uns dafür an den gegenüberliegenden Straßenrand. Wahrscheinlich war das Gras dort grüner, man weiß es nicht. Jedenfalls drehte ich mich nach getaner Arbeit um und latschte los. Im gleichen Moment befuhr ein Laster genau die Stelle, die ich zur Straßenquerung angedacht hatte.

Im letzten Moment konnte mein Kumpel – ich meine mich zu erinnern, dass es Theis war (vielen Dank nachträglich!) – mich von meinem Vorhaben abhalten. So nahm nur meine Frisur durch den Fahrtwind des Lasters Schaden. Dieses Battle hätte ich verloren. Zum Glück hab ich irgendwann kapiert, dass Bier und Moped nicht an denselben Abend gehören. Mehr dazu demnächst in „Don’t drink and drive“.

Bleib gesund, Engelchen

Naja, ich hoffe, mein Glücksengel bleibt auch in Zukunft bei bester Gesundheit. Ich gebe mir Mühe, ihm etwas weniger Überstunden zu bescheren. Versprochen ist aber nix.

Bleibt Asphalt gläubig!
Euer Wirt aus der Abotheke


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Noch Durst? Hier gibt’s Nachschlag vom Tresen:

Beitragsbild: KI-Bild.

Stephan, der Admin dieser Seiten

Von Stephan

Ich bin geprüfter Handelsfachwirt, Mitbegründer des ABOMINOGS MC und ehemaliger Inhaber einer Werkstatt für Motorräder und Motorroller. In der „Abotheke“ schreibt ein Ammerländer Urgestein mit über 40 Jahren Praxis-Erfahrung über Technik, Clubkultur und das echte Leben. Mehr über mich