Tresen-Talk

Lieber Rocker sein als ein dummes Spießerschwein – Wunschdenken?
Wo sind sie eigentlich geblieben? Diese Gestalten aus der Biker Kultur mit den langen Haaren, die ihre knallharten Starrahmenchopper durch die Gegend prügeln, als gäbe es keinen Morgen. War da nicht mal was mit Rocker Lifestyle? Der große Ausbruch aus dem Spießbürgertum, der kollektive Mittelfinger gegen die Domestizierung durch Lehrer, Eltern und das restliche „normale“ Umfeld.
Früher trafen wir uns jedes Wochenende, machten Party in alten Festzelten auf Stroh bedeckten Boden und nächtigten in Dackelhütten aus Stoff. Wenn es sein musste, flogen am einen Wochenende die Fäuste, nur um am nächsten wieder gemeinsam am Tresen zu kleben. Damals, als Omas noch fluchtartig das Weite suchten, wenn die demolierten Gestalten am Sonntagmorgen aus dem Zelt krochen. Das war die Freiheit, sich einfach auf den Bock zu setzen und nach Mannheim, München oder sonst wohin zu knattern – ohne Plan, ohne Erlaubnis, einfach nur Weg.

Und heute? Heute finden wir an fast jeder Milchkanne einen Club, dessen Member auf Radio beschallten, Komfort gefederten und ABS-gebremsten Fulldressern windgeschützt zum Event und Szene Treff anrollen. Wir sind in einer Welt gelandet, in der die ehemals Subversiven oft in einer ziemlich straff organisierten Gruppe agieren. Es ist die große Ironie der Geschichte: Wir sind vor der Gesellschaft geflohen, nur um uns Strukturen aufzubauen, die am Ende genau der Gesellschaft ähneln, der wir ursprünglich entkommen wollten.
Statt purer Rebellion herrscht oft pure Bürokratie. Da greift eine Art soziologische Schwerkraft : Um als Gemeinschaft zu überleben, werden Strukturen unumgänglich, die eher an den Aufsichtsrat eines mittelständischen Unternehmens oder den lokalen Kleingartenverein erinnern als an ein Outlaw-Treffen.
Diplomatie per WhatsApp und Nachbarschaftspflege
Besonders skurril wird es, wenn man hinter die Kulissen blickt. Die „totale Freiheit“ endet heute oft dort, wo die territoriale Diplomatie beginnt. Wenn wir in ein „Hoheitsgebiet“ einfahren wollen, wird nicht mehr der Lenker herumgerissen, sondern das Smartphone gezückt. Die Anmeldung erfolgt ganz pragmatisch per WhatsApp.
Auch im eigenen Revier geben wir uns zahm und betreiben „Ökosystemmanagement“. Wir fragen brav beim Nachbarn. Wir zeigen Präsenz auf lokalen Festen, essen ein Stück Kuchen und betreiben Lobbyismus im Mikrokosmos, um die Toleranz der Zivilgesellschaft zu sichern.
Die Kutte als unsichtbarer Vertrag
Sogar unsere interne Freiheit ist ein engmaschiges Netz aus Verpflichtungen. Wer die Kutte trägt, hat einen unsichtbaren Vertrag unterschrieben. Der clubinterne Druck ersetzt die freie Entscheidung – man zieht sich den Anzug an und geht hin, egal wie wenig Lust man hat.
Aber: Hauptsache, wir fahren noch!
Man könnte jetzt natürlich depressiv werden und sich fragen, ob die echte Freiheit irgendwo zwischen WhatsApp-Gruppe und Anwesenheitsliste beerdigt wurde. Aber wisst ihr was? Am Ende des Tages ist das alles nur das notwendige Rauschen im Gebälk.
Sobald der Daumen auf den Starter drückt, der Motor unter dir zum Leben erwacht und dieser vertraute Geruch von verbrannten Sprit in der Nase kitzelt, ist die Bürokratie vergessen. Der Wind im Gesicht stellt keine Fragen nach der Anwesenheitsquote, und der Asphalt unter den Reifen braucht keine WhatsApp-Genehmigung. Vielleicht sind wir heute ein bisschen organisierter, ein bisschen diplomatischer und ja, vielleicht sogar ein bisschen spießiger geworden. Aber solange wir noch zusammen auf der Straße sind, die Maschinen laufen und wir den Alltag für ein paar Stunden im Rückspiegel verschwinden lassen, ist die Welt noch in Ordnung.
In diesem Sinne: Scheiß auf die Sitzungsprotokolle – Echte Bikerkultur: Hauptsache, wir fahren noch!
