Erinnerst du dich an die Zeiten, als ich in meiner Werkstatt aus purer Nächstenliebe – und für einen schmalen Taler – die Träume verzweifelter Mopedfahrer am Leben hielt? Oft kam der Klassiker: „Du, kannst du mal eben meine Kette spannen?“
Was die meisten nicht wissen: Wer eine Kette einfach nur „spannt“, kann sie auch gleich mit der Flex bearbeiten. Es heißt nämlich bei der Motorradkette den Kettendurchhang einstellen. Punkt.
Warum das Ganze? Ein bisschen Physik für den Stammtisch
Schau dir mal die Schwinge an. Das Rad ist fest mit ihr verheiratet, die Schwinge selbst ist aber über ein Gelenk am Rahmen befestigt. Da Schwingenlager und Ritzel nicht konzentrisch angeordnet sind, verändert sich beim Einfedern der Abstand zwischen Ritzel und Hinterrad.
Wenn du dich jetzt mit deinem Astralkörper auf die Maschine schwingst und das Ding einfedert, passiert folgendes: Der Weg zwischen Ritzel (vorne) und Kettenrad (hinten) wird länger. Da die Kette aber nicht aus Kaugummi ist, braucht sie Reserve. Würden wir sie im Stand stramm ziehen wie eine Klaviersaite, würde sie beim nächsten Schlagloch versuchen, deine Getriebeausgangswelle aus dem Gehäuse zu reißen. Ein teurer Spaß, den man sich definitiv sparen kann.
Das 35-Millimeter-Orakel
Auf fast jeder Schwinge klebt ein kleiner Zettel, den viele beim Putzen gekonnt ignorieren. Bei meiner Ducati stehen da zum Beispiel 35 mm. Generell gilt: Diese Millimeter-Angaben sind keine unverbindliche Empfehlung, sondern der vom Hersteller vorgegebene Arbeitsbereich! Manche Hersteller geben hier auch Bereiche an, wie zum Beispiel 30–35 mm oder 30–40 mm. Das ist Gesetz!
Das Problem: Die Kette altert nicht in Würde. Die sogenannte Längung entsteht durch Verschleiß an Bolzen und Buchsen. Besonders, wenn man den nagelneuen Kettensatz nach dem Montieren direkt mit Vollgas-Attacken gequält hat, statt ihm ein wenig Ruhe zu gönnen. Ich habe meinen Kunden damals in der Werkstatt immer gepredigt: Die ersten Kilometer profitieren Kette und Ritzel von moderater Belastung! Fahrt das Ding schön rund ein. Die Kette wird es euch mit einem langen Leben danken.
Die Zwickmühle der ungleichen Länge
Wenn du den Durchhang prüfst, dreh doch mal das Hinterrad! Du wirst eventuell feststellen: An einer Stelle hängt sie durch wie eine alte Wäscheleine, ein Stück weiter ist sie stramm wie ein Abschleppseil.
Goldene Regel: Wir stellen den Durchhang immer an der strammsten Stelle ein!
Wenn der Unterschied zwischen „ganz locker“ und „bretthart“ zu groß wird, nennt man das in Fachkreisen eine ungleiche Längung. Nüchtern betrachtet heißt es aber: Kernschrott. Und nein, du kannst jetzt nicht nur die Kette tauschen. Kette, Ritzel und Kettenrad sind eine verschworene Gemeinschaft. Wenn einer geht, müssen alle gehen. Alles andere ist wie neue Schuhe mit kaputten, stinkenden Socken zu tragen – sieht zwar keiner, fühlt sich aber scheiße an und hält nicht lange.
Hinweis & Disclaimer: Dieser Beitrag dient der Unterhaltung und allgemeinen Information. Technische Arbeiten am Motorrad, insbesondere an sicherheitsrelevanten Bauteilen wie dem Antrieb, erfordern Fachkenntnisse. Die Durchführung erfolgt auf eigene Gefahr. Im Zweifel gilt immer: Schau in dein Werkstatthandbuch oder suche eine Fachwerkstatt auf.

https://dieabotheke.de/wer-ist-eigentlich-stephan/Ich bin geprüfter Handelsfachwirt, Mitbegründer des ABOMINOGS MC und ehemaliger Inhaber einer Werkstatt für Motorräder und Motorroller. In der „Abotheke“ schreibt ein Ammerländer Urgestein mit über 40 Jahren Praxis-Erfahrung über Technik, Clubkultur und das echte Leben.
