Früher gab es besseren Stoff.
Als wir Anfang der 80er-Jahre mit dem Motorradfahren anfingen, kannten wir die Probleme heutiger Fahrer vergaserbefeuerter Motorräder eigentlich kaum – nämlich, dass aus dem Vergaser ein Versager wird.
Warum ist das so?
Einer der Gründe – wenn sicherlich auch nicht der Hauptgrund – ist, dass die durchschnittlich im Jahr gefahrenen Kilometer weniger wurden. Und wenig Fahren finden Fahrzeuge nun mal nicht gut, sonst wären sie ja Standuhren geworden. Aber früher war auch der Stoff, aus dem die Kilometer sind, viel besser.
Unser gutes Benzin damals unterschied sich in der Zusammensetzung deutlich von heutigen Kraftstoffen. Vor allem fehlte der heute übliche Ethanolanteil, wodurch das Benzin deutlich lager stabiler war.
E10 und längere Standzeiten – das Gift im Tank. Warum verharzt ein Vergaser ?
Heute enthalten Kraftstoffe wie E5 und E10 Ethanol. Und leider hat Ethanol die doofe Eigenschaft, aktiv Feuchtigkeit aus der Luft anzuziehen. Was wiederum dazu führt, dass sich mit der Zeit Wasser im Tank und im Vergaser ansammelt. Wasser und nacktes Metall sind eine ziemlich miese Kombination.
Ein weiterer Knackpunkt ist, dass heutiges Benzin darauf ausgelegt ist, in Systemen zu funktionieren, die unter Druck stehen (Einspritzer). Dieser Druck fehlt im Vergaser. Die zündwilligen Bestandteile verflüchtigen sich durch Verdunstung recht schnell. Danach kannst du deinen Anlasser orgeln lassen, bis die Batterie glüht – weil in der Schwimmerkammer nix mehr ist, was noch zünden will. Erfahrungsgemäß kann bei einem kleinen Moped wie einem 50er-Motorroller bereits nach vier Wochen der Ofen aus sein. Bei einem großen Motorrad oft nach drei Monaten.
Der Ärger mit der Düse.

Aber was passiert konkret? Das Motorrad steht, das Ethanol bindet die Luftfeuchtigkeit und es sammelt sich Wasser in der Schwimmerkammer an. Dieses Wasser-Ethanol-Gemisch setzt sich am Boden der Kammer ab – und übrigens auch im Kraftstofftank, der dann schön vor sich hin rostet. Diese Mischung im Vergaser ist extrem aggressiv und führt zu massiver Korrosion an den Bauteilen. Besonders die Messingdüsen, allen voran die Leerlaufdüse, stellen recht schnell die Arbeit ein. Hast du erst genug von dieser zähen, klebrigen Masse angesammelt und der Vergaser ist richtig schön verharzt: Herzlichen Glückwunsch!
Schnelle Abhilfe?
Schnell geht nur eines: In der Regel findet man unter der Schwimmerkammer eine Schraube zum Ablassen des alten Kraftstoffes. Diese öffnen, das alte Zeugs ablaufen lassen und den Vergaser mit frischem Benzin aus dem Tank fluten. Viel Glück!
Wenn das nicht klappt, kommt oft die Idee mit der Druckluft. Also Benzinschlauch ab, die Druckluftdüse reingesteckt und tüchtig gepustet. Okay, damit bekommt man das alte Benzin vielleicht sonst wohin befördert. Aber mach dir keine Hoffnung: Der Dreck klebt weiterhin im Vergaser wie Hundekacke unterm Schuh.
Vergaser raus, es nützt nix.
Wo wir gerade beim Thema sind: Ist der Vergaser erst verharzt, ist die Kacke so richtig am Dampfen. Man kann noch versuchen, das Problem mit einem Kraftstoffzusatz (Vergaserreiniger) zu beheben. Nachdem du diesen in den Tank gegeben hast, kannst du versuchen, das Motorrad bei niedrigen Drehzahlen zu fahren, um die Leerlauf- bzw. Teillastdüse wieder freizubekommen. Wenn da noch etwas Durchfluss ist, könnte man Glück haben und der Reiniger sorgt wieder für freie Bahn.
Meistens muss der Vergaser aber raus und komplett gereinigt werden. Und ganz ehrlich: Wenn das kein erfahrener und feinfühliger Schrauber macht, wird das nichts. Vergaser ausgebaut, gereinigt, wieder reingefummelt – und wenn du nur eine einzige Verharzung in einer der klitzekleinen Bohrungen der Leerlaufdüse übersehen hast, machst du die ganze Übung noch mal.
Was auch immer wieder gerne genommen wird: Wenn der Bock nach mehrmaligen Reinigungsversuchen noch immer nicht läuft, muss es bestimmt „Spritmangel“ sein. Was machen dann die Helden der Arbeit? Sie biegen am Schwimmer herum, um dem System mehr Benzin zuzuführen. Ja ne, is klar.

Sparen an Ersatzteilen.
Solch ein Vergaser ist eine echte Feinmechanik. Das System funktioniert einfach nicht richtig, wenn nicht alle Komponenten perfekt zusammenspielen. Das bedeutet, dass nach dem Zerlegen oft neue Dichtungen, idealerweise auch neue Leerlaufdüsen erforderlich sind. Und die kosten leider Geld. Tut euch selbst einen Gefallen und kauft kein billiges Zeug. Wenn möglich, greift zu originalen (OEM) Ersatzteilen. Billiges Zubehör-Geraffel eingebaut, die Karre läuft weiterhin nicht und ihr sucht euch bis zur Verzweiflung einen Wolf nach dem Fehler.
Und wenn ihr schon einkauft, denkt gleich an neue Zündkerzen. Auch wenn die alten gerade erst neu kamen. Wenn ihr mit einem dreckigen Vergaser eine Zeit lang georgelt habt, sind die Dinger mit Sicherheit abgesoffen. Danach könnt ihr sie meistens direkt wegwerfen. Warum? Moderne Kerzen werden nass, neigen dann zu inneren Kurzschlüssen und sind schlicht im Eimer.
Zur Rettung in die Werkstatt.
Wenn ihr die Heimarbeit irgendwann frustriert einstellt und tatsächlich noch eine Werkstatt findet, die sich dieser Projektarbeit annimmt: Herzlichen Glückwunsch, nun ist das Urlaubsgeld futsch.
Um ein bisschen Geld zu sparen, solltet ihr dem freundlichen Monteur unbedingt alles über eure geleistete Heimarbeit erzählen. Auch das mit dem Rumbiegen am Schwimmer, das Freipopeln der Düse mit dem ganz kleinen Bohrer und dass ihr bereits den super Vergaser-Reparatursatz für 15,00 € von Amazon eingebaut habt. Der fliegt nun zwar direkt in den Müll, aber es hätte ja klappen können.
Am Ende solltet ihr die Werkstattkosten mit dem Restwert des Motorrades vergleichen. Es könnte ein wirtschaftlicher Totalschaden sein.
Und in Zukunft? Wie verhindert man einen verharzten Vergaser ?
Du siehst , dass du mehrere Wochen nicht fahren wirst? Dann ab zur Tankstelle und vollgetanken – am besten mit einem ganz teuren ethanol freien Premium-Sprit. ( frag deinen Tankwart ) Dazu einen Kraftstoffstabilisator vom Fachhandel in den Tank, und dann noch eine kurze Strecke fahren, damit der Vergaser auch etwas von der schützenden Mischung abbekommt.
Am besten aber hilft immer noch: fahren, fahren, fahren!

Ein Foto, entstanden in den 80ziger Jahren. Meine alte Kawasaki Z 650 mit selbstgebauter 4 in 1 Auspuffanlage und offenen K&N Luftfiltern und fetter Einstellung des Vergasers. Bei niedrigen Drehzahlen konnte man die Abgase entzünden.
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https://dieabotheke.de/wer-ist-eigentlich-stephan/Ich bin geprüfter Handelsfachwirt, Mitbegründer des ABOMINOGS MC und ehemaliger Inhaber einer Werkstatt für Motorräder und Motorroller. In der „Abotheke“ schreibt ein Ammerländer Urgestein mit über 40 Jahren Praxis-Erfahrung über Technik, Clubkultur und das echte Leben.
